International EW Conference and Exposition der Association of Old Crows in Bonn

13. - 15. Mai 1996

 

EW - 2000 and Beyond

 

Unter diesem Titel stand die von uns besuchte Veranstaltung unserer „Mutterorganisation", welche erstmals ausserhalb der USA durch die Deutschen organisiert wurde. Dementsprechend waren auch die Erwartungen und zum Teil Befürchtungen der insgesamt 562 Teilnehmer aus allen fünf Kontinenten, wobei erstmals auch Staaten des ehemaligen Ostblocks, inklusive Russland, vertreten waren.

Selbstverständlich war alles perfekt organisiert, wobei auch die täglichen Sicherheitskontrollen, wegen Demonstranten und sonstiger Störenfriede, problemlos über die Bühne gingen.

Die Veranstaltung war in zwei Teile unterteilt, einerseits in die „Sessions", in denen eine gewaltige Informationsflut, aber auch „Meinungs"-Menge, auf die Zuhörer abgefeuert wurde, andererseits in die Ausstellung, welche, sehr zum Schrecken der Teilnehmer, die nicht so gerne Vorträge hören, nur geöffnet war, wenn keine „Sessions" stattfanden.

 

Die insgesamt 5 „Sessions" waren nach unterschiedlichen Themen gegliedert: Die Sessionen 1 und 2 befassten sich eher mit der militärischen Seite des Problems, bei den Sessionen 3 bis 5 kamen die Vortragenden eher aus dem Bereich der Forschung und der Rüstungsindustrie.

 

Klar wurde, dass der Zustand der heutigen Unsicherheit, also die Frage, gegen wen muss ein Staat morgen seine EKF Mittel einsetzen und mit wem ist er gleichzeitig verbündet, vor allem im Bereich der Beschaffung und der Koordination der EKF Mittel grosse Probleme aufwirft. Diese Thematik zog sich fast wie ein roter Faden durch die ganze Veranstaltung. Insbesondere wurde auf diesbezügliche Probleme hingewiesen, welche auch unterhalb der Kriegsschwelle, zum Beispiel bei Peace Keeping Aktionen wie in Ex Jugoslavien, auftreten können. Hierzu einfach einige der geäusserten Gedanken:

 

- Wie koordiniert man SIGINT und deren Verfahren unter den verschiedenen beteiligten Armeen?

- Wie begegnet man dem Mix an Übermittlungssystemen der zu Überwachenden, vom alten Armeefunkgerät bis zum verschlüsselten NATEL D?

- Wie ist die Akzeptanz der überwachenden ausländischen Armeen bei der Zivilbevölkerung, was wiederum Auswirkungen auf die Sicherheit der ausländischen Armeeangehörigen hat?

 

Als Lösung all dieser Probleme und auch aus den bisherigen diesbezüglichen Erfahrungen wurde die Forderung nach „Coalition Warfare" und „Partnering" unter den beteiligten Kräften gefordert. Ad hoc Lösungen dürfen nicht mehr vorkommen, weil sich dies offensichtlich überhaupt nicht bewährt hat. Nur noch waffen- und länderübergreifende Lösungen nach dem Motto „besser-schneller-billiger" sind akzeptierbar, diese sind aber einzuüben, da ein Einsatz „aus dem Stand" möglich sein muss. Hier kommt jedoch wieder das oben angeschnittene Problem des „Gegners von morgen" zum Tragen.

 

Aus der Sicht des Luftkrieges, bzw. der Unterstützung von Peace Keeping Aktionen aus der Luft wurde festgestellt, dass die Unterscheidung „gut-böse-neutral" aus dem Cockpit ausserordentlich schwierig geworden ist. Zudem ergibt der Mix unterschiedlichster Waffensysteme für das Flugzeug, und zwar sowohl für das Kampfflugzeug wie für Transportflugzeuge oder Helikopter, eine sogenannte „Regenbogenbedrohung". Der Einsatz neuer Technologien wie Millimeter-Radars und Elektrooptischen Systemen erfordern neue Gegenmassnahmen wie Decoys, Lenkwaffenwarnsysteme und multispektrale Flares. Das heisst, die Abwehr im Luftkrieg muss sich wie folgt verändern:

 

Von Zu

Störung Zerstörung

Genereller EGM Waffenspezifischer EGM

IR - Flares Lasergelenkter Energie / IRCM

Radarwarnung Bedrohungswarnung

Selbstschutz SEAD, C2W

 

- Stealth und fortschrittliche ECM-Systeme werden den künftigen Selbstschutz prägen.

 

Aus diesen Bemerkungen geht bereits hervor, woran die führenden EKF Spezialisten, wie auch die entsprechende Industrie, bezüglich Selbstschutz des Flugzeuges herumdenken. Die Bedrohung durch ein Feuerleitradarsystem, welches gemütlich mit dem Selbstschutzstörsender beeinträchtigt werden kann, ist vorbei. Feuerleitsysteme der heutigen und auch der kommenden Generation sind mit einer Kombination von Radar-, IR-, TV- und Laservermessungsmöglichkeiten ausgerüstet. Boden - Luftlenkwaffen mit IR-Folgesystemen haben breitbandige Suchköpfe, welche vom IR- bis in den UV-Bereich arbeiten. Zudem sind sie mit einer Intelligenz ausgerüstet, welche dafür sorgt, dass der Zielsuchkopf nicht auf ein sich unlogisch verhaltendendes Ziel, wie zum Beispiel einer nach unten abgeschossenen Flare, reagiert.

In diesem Bereich ist die Industrie gefordert, welche auch, wie sowohl in den Vorträgen als auch in der Ausstellung bemerkbar war, das Geschäft gewittert hat. Sowohl Lenkwaffenannäherungswarnsysteme wie auch Gegenmassnahmen wie gesteuerte Laser, welche die Suchköpfe der Lenbkwaffen zerstören sollen, oder programmierbare Flares in unterschiedlichen Frequenzbereichen und abstimmarer Chaff wurden, mindestens ansatzweise und mit den bei solchen Veranstaltungen üblichen Vorbehalten, vorgestellt.

 

Der ganze Bereich der EKF ist zur Zeit einer Grundlegende Änderung unterworfen, indem die Digitalisierung in breitem Rahmen Einzug hält. Dies hat grundsätzliche Auswirkungen auf alle Bereiche, sei dies nun COMINT, ELINT oder SIGINT. Durch die Anwendung der schnellen Fouriertransformation und dadurch bedingten digitalen Filter sind in der SAR-Bildaufklärung in nächster Zeit weitere Fortschritte zu erwarten. Neue Nachrichtenübertragungsverfahren, vor allem aber deren internationale Vernetzung wie Internet usw., ergeben für die Elektronische Aufklärung in jeder Form völlig neue Probleme. Im Radarbereich wird einerseits das sogenannte „Fingerprinting", also die möglichst exakte Vermessung der Parameter eines Radars für die Zuordnung, immer wichtiger, andererseits wurde die Forderung nach möglichst schneller Warnung der Flugzeugbesatzungen vor neu erkannten Bedrohungen laut. Diese sich widersprechenden Forderungen unter einem Hut bringen, wird eine der künftigen Aufgaben der EKF Strategen sein müssen.

Probleme der oben erwähnten Art waren an Hand der Vorträge noch einige auszumachen.

 

An der Ausstellung waren, neben anderen, vor allem die Firmen vertreten, deren Exponenten auch in den Vorträgen zu Wort kamen. Dies ergab die interessante Möglichkeit, das vorher theoretisch Gehörte in Gesprächen zu vertiefen und teilweise auch zu relativieren. Grundsätzlich ear sehr wenig „Hardware" ausgestellt. Die Industrie hat sich eindeutig bereits an die unsichere und schwer vorhersehbare Lage angepasst und zeigte vor allem Systeme im optronischen Bereich sowie viele Möglichkeiten der Simulation für Planung und Ausbildung.

 

Am Rande der Veranstaltung ergaben sich natürlich auch interessante Kontakte mit Exponenten der EW-Szene aus der ganzen Welt, welche das Bild bezüglich „EW-2000 and Beyond" abrundeten.

 

Aus dem Gesehenen und Gehörten haben wir die folgenden Schlussfolgerungen gezogen:

 

Aufgund der unsicheren Lage sind die Verfahren in der EKF wesentlich vielseitiger geworden. Niemand weiss heute, gegen wen er morgen EKF einsetzen muss. Dies erhöht natürlich auch die Anforderungen an die Signalbibliotheken.

Der Informationsaustausch wird immer schneller und vor allem digital. Dem hat sich die künftige EKF anzupassen.

Dem Einsatz optronischer Systeme bei Lenkwaffen wird durch eine Vielzahl neuer Lenkwaffenwarn- und Lenkwaffenabwehrsysteme Rechnung getragen.

Der EKF ist, auch in den optronischen Frequenzbereichen, weiterhin ein grosser Stellenwert beizumessen, ja, es wird sogar von der „Schlüsselrolle der EKF auf dem Gefechtsfeld" gesprochen.